8 Fragen an... Peter Granser

8 Fragen an Peter Granser, Gründer des Projektraums für Kunst und Tee ITO

1. ITO – ein Projektraum für Kunst und Tee. Was war die Idee bzw. die Motivation,  einen Projektraum zu gründen?

Ein wichtiger Grund war, in der Stadt, in der ich lebe und arbeite, Präsenz zu zeigen, mich kulturell zu engagieren und mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Hinzu kamen noch einige einschneidende persönliche Erlebnisse und Entwicklungen.

Insbesondere die langen Aufenthalte in Japan im Rahmen von zwei Residencies haben mich stark beeinflusst. Insgesamt sechs Monate habe ich mit meiner Lebensgefährtin Beatrice Theil in Japan verbracht und gemeinsam mit ihr dieses Konzept entwickelt. Die japanische Kultur hat diese einzigartige Gabe, das Alte mit dem Neuen zu verschmelzen und scheinbar Gegensätzliches im Alltag zu integrieren. Diese Spannung war für uns in jedem Moment spür- und greifbar und hat meine Arbeitsweise als Fotograf sehr geprägt. Hinzu kam meine Liebe zum Tee. Japan war in diesem Sinne eine Offenbarung. In meinen Augen ist die Teekultur, der Chadō, die Essenz der japanischen Kultur überhaupt. Er vereint verschiedene Aspekte der Kunst, Philosophie und Spiritualität in sich. Durch ihn erhält man Zugang zu Keramik und Architektur und lernt vieles über Gartenbau, Literatur und Kulinarik. Die verschiedenen Arten den Tee zu genießen, spiegeln zudem den Geist der Epochen wieder, in der sie vorherrschend waren. Dieser Jahrhunderte alte Ansatz, dem Tee einen Kunstcharakter zuzuschreiben, ist in Europa eher unbekannt.

Die Aufmerksamkeit, die Konzentration auf den Moment, die Ruhe und Achtsamkeit sind nicht nur beim Teezubereiten und – trinken bedeutend, sondern auch beim Fotografieren. Daraus entstand zusammen mit meiner Partnerin die Idee, einen Ort der Ruhe und der Kommunikation zu schaffen, einen Ort, an dem zwei meiner Interessen miteinander verschmelzen: Kunst und Tee.

2. Wie wird ITO finanziert?

Ein Teil der Kosten wird durch ein Atelierstipendium des Kulturamts Stuttgart getragen, der Rest durch ein Mitgliedersystem. Alle ITO-Mitglieder zahlen mindestens 15 Euro im Monat und erhalten im Gegenzug nicht nur bevorzugt Einladungen zu bestimmten Veranstaltungen, Vernissagen oder Performances, sondern eben auch ein- bis zweimal im Monat eine Tee-Verkostung.

Während wir 2015 die stattgefundenen Ausstellungen alleine stemmen mussten, haben wir für das Ausstellungsprogramm 2016 eine Förderung vom Kulturamt Stuttgart erhalten. Für das aktuelle Projekt des Künstlers Idetsuki Hideaki konnten wir auch eine finanzielle Förderung durch die Abt-Straubinger Stiftung und die LBBW erzielen sowie Gedok e.V. und das IRGE-Institut der Uni Stuttgart / e1nszue1ns -Plattform als Kooperationspartner gewinnen. Hinzu kommen natürlich noch zusätzliche zeitliche und materielle Eigenleistungen, die situationsbedingt immer anfallen und von vielen Händen geleistet werden.

3. Wie genau sieht das Ausstellungsprogramm aus?

In Abgrenzung zu einer aufgeregten Eventkultur liegt mein bzw. unser Interesse in der Ruhe und Konzentration. Ein Projektraum muss experimentieren und auch sperrig sein dürfen. Inhaltlich kreist das Ausstellungsprogramm um Themen wie z.B. Leere, Bewusstsein, Zeit und Natur.

Wir zeigen Arbeiten aus den unterschiedlichsten Bereichen wie z. B. Performances, Installationen, Video und Fotografie sowie Klanginstallationen oder Buchobjekte.

Zusätzlich haben wir die Reihe „Ein Abend für 10“ ins Leben gerufen, zu der sich tatsächlich nur zehn Gäste anmelden können.

4. Warum gerade die Verbindung zwischen Tee und Kunst?

In erster Linie aufgrund meines persönlichen Interesses an der Kunst und dem Tee.

Viele chinesischen und japanischen Kulturphilosophen oder Kunsthistoriker betonen seit jeher den Kunstcharakter der Teekultur. Eine Sichtweise, die auf manche Europäer zuerst ein Mal befremdlich wirkt.

Ich möchte mit dem Projektraum ITO jedem Gast die Möglichkeit geben, sich intensiv der Ausstellung zu widmen, aber auch mit anderen Gästen ins Gespräch zu kommen. Der von mir zubereitete Tee ist das verbindende Element. Der im Raum integrierte Tisch bietet nur 5 Plätze und schafft damit eine konzentrierte Nähe – zum anderen Besucher und zur Kunst. Durch das Teetrinken verweilt der Besucher länger im Raum, was den Blick auf die ausgestellten Werke verändern kann.  Das ist ein sehr spannender Gedanke für mich.

Beim Teetrinken geht es mir um die Achtsamkeit und den Genuss, weniger um die traditionelle Zeremonie.

5. Welche Rolle spielen Projekträume in der Kulturlandschaft?

Projekträume sind eine bedeutende und notwendige Ergänzung der kulturellen Landschaft, abseits des Kunstmarktes. Damit erfüllen sie einen gesellschaftlichen Kulturauftrag. Sie sind als eine dritte Ebene zu sehen, neben den institutionellen und kommerziellen Akteuren. Projekträume können (und sollen) durch ihre Unabhängigkeit auf künstlerische, gesellschaftliche oder politische Entwicklungen freier reagieren und vor allem auch kantigeren Positionen eine Plattform bieten. Jedoch besteht eben gerade in dieser Unabhängigkeit ein kaum lösbare Konflikt: Wie überleben und handlungsfähig bleiben?

Daher sind manchmal gleichwertige Kooperationen und Kollaborationen mit anderen gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Akteuren sinnvoll, wenn dadurch die eigenen Spielräume und Möglichkeiten gestärkt werden und die Autonomie und Selbstbestimmtheit gewahrt bleibt.

6. Siehst Du den Projektraum als Teil Deiner Kunst oder trennst Du das streng voneinander?

Als Teil meiner künstlerischen Position. Meine Arbeitsweise hat sich seit 2009  zunehmend verändert, ist konzeptueller und abstrakter geworden. Zusätzlich zur Fotografie sind Video und Fieldrecordings hinzugekommen. Auch inhaltlich gab es thematische Verschiebungen: der Einfluss von Zeit auf Natur und Mensch, Vorstellungen von Leere und Form oder Identität und Vergänglichkeit rückten verstärkt in den Mittelpunkt meiner Arbeiten. Es ist natürlich kein Zufall, dass sich diese Themen auch im Ausstellungsprogramm des ITO-Projektraums wiederfinden lassen. Der Raum bietet einen Blick darauf, wie ich die Dinge sehe.

7. Welche Ausstellung würdest Du realisieren, wenn Du unbegrenzte finanzielle Mittel hättest?

Schöne Frage – Tatsächlich denke ich nicht an eine konkrete Ausstellung, sondern an ein Artist-in-Residence Programm.

Ich stelle mir vor, in Japan, auf Kyushu, in der Region, die mich nachhaltig beeinflusst hat, ein altes Haus auf dem Lande zu kaufen. Dort möchte ich für andere Künstler einen Ort schaffen, an dem sie für einige Wochen arbeiten, Ruhe und Inspiration finden können. Diese Gegend ist wunderbar, zwischen Meer und Bergen gelegen, abgeschieden ländlich und dennoch in Stadtnähe. Ich hoffe sehr, dass wir für dieses Vorhaben Partner finden können.

8. Was ist Deine liebste Teesorte und warum?

Mhh, das ist abhängig von meiner Stimmung und der Jahreszeit. Ganz allgemein schätze ich den chinesischen, taiwanesischen und japanischen Tee im selben Maße. Gut muss er sein, ohne künstliche Aromen oder Zusätze. Ich schätze Tees, die einen auch mal fordern.

Der japanische Gyokuro ist so ein Tee. Ich liebe die Konzentration, die er bei der Zubereitung erfordert und das Ergebnis, eine intensive Essenz, gleichermaßen. Wenn man diesen Tee das erste Mal probiert, kann man kaum erfassen, was man schmeckt. Aber diesen Geschmack vergisst man nie wieder.  

Mehr Informationen über den Raum und aktuelle Projekte unter: ito-raum.de

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