8 FRAGEN AN... MYRIAM HOLME

Myriam Holme (*1971) lebt und arbeitet in Mannheim. Aktuell ist sie als Mentorin am »Kunstbüro Mentoring« beteiligt.

Foto: Miriam Stanke

Sie studierte Freie Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Meuser und Andreas Slominski.

In ihrer künstlerischen Arbeit agiert Holme als Grenzgängerin zwischen Malerei, Bildhauerei und Installation. Ihr erweiterter Malereibegriff basiert auf dem Experimentellen und Prozessualen, wobei beides ausgehend vom Material zu betrachten ist. So entsteht eine Malerei, die als expansiv und unabgeschlossen gedacht werden kann und sich nicht in Bestehendes einrichtet, sondern fortwährend in Bewegung bleibt.

Myriam Holme ist bereits vielfach ausgezeichnet worden, ihre Arbeiten sind national und international in Ausstellungen vertreten. Seit 2008 hatte sie zahlreiche Gastprofessuren und Lehraufträge inne. Gemeinsam mit Philipp Morlock gründete und betreibt sie das Einraumhaus c/o und ist Mitinitiatorin des 2020 entstandenen neuen Kunstortes barac – Kunst/Labor/Soziales in Mannheim Franklin.

www.myriamholme.de

 

1. Du hast dein Studium an 2002 der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe abgeschlossen. Welches waren deine ersten Schritte in die professionelle künstlerische Tätigkeit?

Die Professionalität findet letztendlich ihren Anfang im Kreis der Kommiliton*innen und Künstlerfreundschaften, die sich während des Studiums finden. Das ist ein allzu oft unterschätztes Gut auf dem Weg zur Professionalisierung und darüber hinaus.
Ich hatte nach dem Studium das Glück, gleich in den Kontext einer kleinen aufstrebenden Galerie eingebunden zu werden. Sowohl die Galerie als auch die anderen Künstler*innen der Galerie standen ganz am Anfang, so dass man miteinander langsam und behutsam aber doch voller Energie etwas gemeinsam aufbauen konnte.

2. Welche Stipendien, Preise und anderen Förderungen hast du zu Beginn deiner Karriere erhalten und inwiefern haben dich diese Programme bei der Weiterentwicklung deiner Arbeit unterstützt? Welche Formen der Künstler*innen-Förderung würdest du dir darüber hinaus wünschen?

Eine frühe Anerkennung, direkt zum Ende meines Meisterschüler-Jahres war die Aufnahme in die damals noch aktive Columbus Art Foundation. Die Förderung bestand im Ankauf von Arbeiten aber eben auch in einer Ausstellungmöglichkeit und der Produktion eines kleinen Katalogs. Das war in dieser Kombination zum Ende des Studiums eine wirklich sinnvolle Förderung. Zumal der damalige Kurator Jörg van den Berg eine enge Verknüpfung zwischen den Geförderten aufbaute, so dass das Vernetzen auf einer leichten und freundschaftlichen Ebene funktionierte und es zu zahlreichen Folgeausstellungen kam. Jörg van den Berg begleitet mich und meine Arbeit bis heute – derzeit ist er Direktor des Museums Morsbroich.
Ich denke, eine nachhaltige Förderung sollte sich heutzutage stark auf das Vernetzen beziehen. Ein Auslandsjahr in Paris oder Rom kann man auch noch später machen, wenn die Arbeit etwas gereift ist und man sich verortet hat. Das Schwierigste ist das Verorten nach dem Studium, dafür sollte es Gründe geben. Hier würde ich bei Förderungen ansetzen – diese sollten Künstler*innen zu Beginn ihrer Laufbahn unterstützen, eine Struktur zu finden – das ist mit einem drei monatigen Aufenthaltsstipendium nicht gewonnen. Außerdem halte ich Förderungen für sinnvoll, die helfen, die künstlerische Produktion zu unterstützen, auch außerhalb des sicheren Rahmens der Akademien mit ihren Werkstätten, digitalen Möglichkeiten etc.

3. Welche Strukturen sind für dich wichtig, um deine künstlerische Praxis voranzubringen? Wie organisierst du dich?

Das ist so kaum mehr zu beantworten. Die künstlerische Praxis kommt im Tun voran, wobei das Tun eben auch die Strukturen rechts und links sind. Schauen. Lesen. Auseinandersetzen. Das tägliche damit Auseinandersetzen, im Atelier, im Büro, außerhalb des Ateliers. Die künstlerische Praxis als Haltung verstehend.
Eine klare Struktur ist das Tägliche und die Tatsache, dass ich, wenn ich gerne gleich früh morgens ins Atelier gehe, vorher möglichst wenig Kontakt mit der »Welt« hatte. Also nicht im Sinne von keine Zeitung lesen, sondern im Sinne von möglichst keine Telefonate oder zu viel Sprechen. Das Trennen von Arbeit im Atelier und Verwaltung/Organisation macht durchaus Sinn.
Ein Schreibtisch-/Computer-Tag und dann wieder reine Atelier-Tage. Rahmenbedingungen sind also: starke Konzentration, die auch im Garten beginnen kann, beim Ernten oder Pflanzen, aber inwendig sein muss.

4. Wie erlebst du die Arbeits- und Rahmenbedingungen des Kunstbetriebs, insbesondere im Kontext der aktuellen Krisen?

Die Coronakrise war ein herber Schlag für den Kunstbetrieb, auch wenn die Fördergelder flossen, was in meinen Augen manchmal gar nicht so produktiv war, denn Krisen sind ja auch Chancen zu überprüfen und den Blick zu wenden. Sich der äußerst privilegierten aber eben auch sensiblen Situation des Künstler*innen-Daseins bewusst zu werden, ist immer wieder auch einen Moment des Nachdenkens wert, eine Chance, ein Überprüfen eben. Aber nun sind die Krisen andere und die globalen Krisen stellen die Kunst nicht nur faktisch vor neue Fragestellungen sondern eben auch inhaltlich. Noch ist überall Verunsicherung und ein seltsames ›weiter wie bisher‹ zu spüren, aber eben auch gleichsam die Ruhe vor dem Sturm. Meines Erachtens befinden wir uns an einem sehr spannenden, vielleicht auch grundlegenden Punkt der Neuerfindung oder der Splittung des Kunstbetriebs. Splittung in dem Sinne, dass es vielleicht unterschiedliche parallele Wege bzw. Welten der Kunst in den nächsten Jahren geben könnte – vielleicht, um mit Wolfgang Ullrich zu sprechen, eben die autonome und die postautonome Kunst. Das Kollektiv und den Einzelnen, die nachhaltige Kunstwelt, die sich ›kümmernde‹ und die luxuriöse, verschwenderische. Ich weiß es nicht, auf jeden Fall sind Krisen immer auch Chancen und auf jeden Fall muss man sich nun bewegen – körperlich wie geistig.

5. Neben deiner eigenen Praxis betreibst du seit über 10 Jahren in Mannheim gemeinsam mit Philipp Morlock das Einraumhaus c/o, das sich als Ausstellungsort im öffentlichen Raum inzwischen fest etabliert hat. 2020 hast du den Kunstort barac – Kunst/Labor/Soziales in Mannheim Franklin mitinitiiert, mit dem ihr u. a. Atelierräume und Infrastruktur bereitstellt sowie Stipendien ermöglicht.
Wie kam es zur Gründung dieser selbstorganisierten Räume – resultierten diese jeweils aus einer ›Lücke im System‹? Und welchen Stellenwert nimmt diese kuratorische/programmatische Praxis für dich neben deiner künstlerischen Arbeit ein?

Das Einraumhaus c/o und alles, was sich seither aus diesem ersten Projekt in Mannheim entwickelte (barac – Kunst/Labor/Soziales, The Golden Village etc.) begann tatsächlich aus einer Not und einem Wunsch heraus. Der Not, in der Peripherie gelandet zu sein und dem Wunsch, dennoch am Diskurs der zeitgenössischen Kunst teilzunehmen. Anfangs nur auf eine kurze Zeit angelegt und Dank sich ändernder Strukturen der Kulturpolitik in Mannheim langfristig möglich gemacht, war bald klar, dass auf diese Weise in der Nicht-Kunst-Hauptstadt Mannheim wirklich etwas zu bewegen ist, was Strahlkraft haben könnte. Nun sind es bald 15 Jahre und vieles ist aus dem Konzept Einraumhaus c/o entstanden, diese künstlerische Praxis steht gleichberechtigt neben meiner Arbeit im Atelier. Ich verstehe das eine ebenso als künstlerische Haltung wie das andere und möchte keine Praxis missen.

6. Aktuell bist du als Mentorin am »Kunstbüro Mentoring« beteiligt. Worin liegt für dich die besondere Qualität eines solchen Programms?

Die Zeit nach dem Studium ist eine besonders sensible Zeit. Im Elfenbeinturm der Akademie war man täglich von Gleichgesinnten und viel Verständnis umgeben, man wurde ernst genommen und fand sich darüber hinaus in der grandiosen Situation eines warmen Ateliers mit Werkstätten.
Nach dem Studium wird man ausgespuckt und die vielen Fragen und Möglichkeiten beginnen. Hier setzt das Mentor*innen-Programm des Kunstbüros an. Die Exklusivität, dass ein/e etwas erfahrene/r und etablierte/r Künstler*in einen ›an die Hand‹ nimmt, sich intensiv mit der eigenen Arbeit auseinandersetzt kann Mut machen und eine wichtige Hilfestellung bei der eigenen Verortung sein.
Das Programm kann aber eben auch bei ganz anderen Thematiken hilfreich sein, die in dieser Phase auf einen zurollen: KSK, Alltagsorganisation, Positionsierung im Kunstfeld, Fördergelder, Selbstpräsentation, Vernetzung mit Kurator*innen und anderen Akteur*innen der Kunst, Wahrnehmung von außen etc. Bestenfalls befruchtet man sich gegenseitig, denn das einzige, was die Mentor*innen den Mentees voraus haben, ist ein Rucksack voller Erfahrungen mit dem Kunstsystem.

7. Was interessiert dich an deiner Rolle als Mentorin und wie sieht deine Zusammenarbeit mit Lennart Cleemann im Rahmen des Programms konkret aus?

Während der vielen Gastprofessuren wurde mir klar, wie sinnvoll aber auch wie hilfreich für mich das Weitergeben von Erfahrungen ist. Es ist eine Aufgabe, die mir viel bedeutet und mich auch vieles lehrt. Lennart und ich treffen uns bisher alle zwei Monate, schauen gemeinsam Ausstellungen an, reden über seine Arbeiten, seine Pläne und Ideen. Es kommt aber auch ganz Praktisches zur Sprache, Dinge wie: »Ich habe ein Portfolio gemacht, was meinst Du dazu?«

8. Deine künstlerische Praxis lässt sich als ›erweiterte Malerei‹ beschreiben, in der das Material Ausgangspunkt für eine experimentelle und prozessuale Bewegung in den Raum hinein ist. Woran arbeitest du aktuell?

Aktuell? Letztendlich arbeitet man immer einfach weiter und weiter und weiter. Aus jedem Schritt erfolgt die nächste Frage und die nächste Suche. Eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Rastatt steht bevor, aber das ist eben nur ein Punkt in der Stringenz der Linie. Aktuell ist immer das Tun.

(November 2022)

 

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