8 Fragen an...Yvonne P. Doderer

8 Fragen an Yvonne P. Doderer, Betreiberin des „Büro für transdisziplinäre Forschung und Kulturproduktion"

Yvonne P. Doderer betreibt das „Büro für transdisziplinäre Forschung und Kulturproduktion“ in Stuttgart. Sie war bereits an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland beteiligt und ist bekannt durch eine Reihe von Publikationen, Vortrags- und Lehrtätigkeiten.

1. Karen van den Berg hat in ihrem Vortrag »Kunst ohne Betrieb« die Künstlerinnen und Künstler in die Kategorien Researcher, Sozialingenieure, polit. Aktivisten und Agenten der Kunst eingeteilt. (vs. Marktkünstler/innen).Würdest Du der Kategorisierung zustimmen? Und wenn ja, wie würdest Du deine Tätigkeit einordnen?

Kategorienbildung ist ein wissenschaftliches Konstrukt und Hilfsmittel, um ein bestimmtes Feld – hier die Kunstproduzent_innen - zu erfassen. In meiner Praxis vermischen sich diese Kategorien – und ich denke, da bin ich nicht die einzige. Je nachdem liegt der Schwerpunkt mal auf der einen, mal auf der anderen Seite - wobei ich insbesondere die Kategorie „Sozialingenieure“ etwas problematisch finde, denn Kunst und Kunstproduktion sind aus meiner Sicht eben gerade nicht dazu da, das Soziale technizistisch oder technokratisch zu be- und verarbeiten, sondern viel eher kritisch-interventionistisch-performativ zu reflektieren.

2. Wenn Künstler/innen sich Methoden der „klassischen“ Wissenschaft aneignen, wie unterscheidet sich dann die künstlerische Arbeit von der eines/einer Wissenschaftlers/Wissenschaftlerin? Und was sind die Konsequenzen?

Ein wesentlicher Unterschied besteht aus meiner Sicht darin, dass es bei der künstlerischen Aneignung nicht darum geht, Objektivität zu generieren und zu behaupten. Das ‚Künstlersubjekt’ wird aus dem Forschungs- und Produktionsprozess nicht ausgeklammert, sondern ist dessen Ausgangspunkt – während in der Wissenschaft der durchaus vorhandene ‚subjektive Faktor’ meistens verleugnet wird – sei es in Hinblick auf die Wissenschaftler_in selbst, sei es in Bezug auf das jeweilige, wissenschaftliche und institutionelle Framing in dem die jeweilige Wissen(schaft)sproduktion stattfindet. Der Rahmen, in dem sich Wissenschaft bewegt, ist häufig viel enger und eingeschränkter als bei der Kunst – was Kunst auch immer wieder spannend macht.

3. Die Rahmenbedingungen verändern sich im Vergleich zur „klassischen Kunstproduktion". Wie sehen Arbeitsweisen, der Arbeitsalltag dann aus? Was sind die Anforderungen, mit denen Künstler/innen konfrontiert sind?

Um diese Frage zu beantworten, wäre erstmal zu klären, was sich und ab wann sich welche Rahmenbedingungen verändert haben. Was in der jüngsten Zeit zu beobachten ist, ist – wie in vielen anderen Bereichen auch – der Anspruch auf Marktförmigkeit, die an die Künstler_innen ebenso wie an die Kunstinstitutionen herangetragen wird: Kunst und Kunstproduktion nicht mehr als gesellschaftlicher Wert, sondern als Mehrwert. Die Folge ist, dass sowohl Künstler_innen, als auch Institutionen immer mehr unter Druck geraten, dass die Spielräume immer enger werden, dass kritische Diskurse und internationaler Austausch eingeschränkt werden. Es geht nicht mehr um Inhalte, sondern um betriebswirtschaftliche Kennziffern, deren Aussagekraft zudem äusserst fragwürdig sind. Ich persönlich bin ja in der glücklichen Lage, dass zumindest mein Unterhalt durch meine Lehrtätigkeit gesichert ist, während es für die rein frei arbeitenden Künstler_innen immer schwerer wird – nicht nur ökonmisch gesehen, sondern auch was Ausstellungs- und Produktionsmöglichkeiten angeht - vor allem wenn die jeweilige Künstler_in eben nicht gängige Kunst produziert. Aus einer größeren Perspektive gesehen, geht es immer wieder darum, den Staat und seine Vertreter_innen an ihren Kunst- und Kulturauftrag zu erinnern und deutlich zu machen, dass Kunst und Kultur kein überflüssiges Luxusgut sind, sondern essentielle ‚Nahrung’ für ein konstruktives, gesellschaftliches Zusammenleben, auch über nationale Grenzen hinweg.

4. Als Professorin an der Hochschule Düsseldorf kennst Du das Ausbildungswesen. Haben die Akademien/Ausbildungsstätten auf diese neuen Herausforderungen schon reagiert? Sollten sie das überhaupt und wenn ja, wie?

Jede Hochschule ist anders, aber sicherlich lässt sich in den letzten Jahren neben der Ökonomisierung der Hochschulen ein Trend zur Akademisierung beobachten – nicht nur als Ergebnis der Bologna-Reformen, sondern ursprünglich auch aus der Kritik an den Meisterklassen resultierend. Leider ist das Pendel hier, zumindest nach meinen Beobachtungen, bei diesen Hochschulen ins andere Extrem verfallen, so dass es mittelfristig wieder darum gehen muss, künstlerische Praxis mehr zu fördern anstelle eine reine Verwissenschaftlichung zu betreiben. Was sicherlich ebenfalls fehlt, ist eine gewisse Politisierung und Positionierung der Hochschulen im Sinne der bereits angesprochenen gesellschaftlichen Rolle von Kunst.

5. Karen van den Berg hat „die Kunst an den Grenzbereichen“ dem klassischen Kunstmarkt (käufliche Kunst) gegenüber gestellt. Welche Bedeutung hat für Dich der klassische Kunstmarkt?

Für mich persönlich hat der Kunstmarkt keine Bedeutung, denn ich operiere allein im Kunstbetrieb, bin also letztlich auf Einladungen von Kurator_innen, Institutionen und Initiativen angewiesen. Im Übrigen ist ja der Kunstbetrieb nicht nur der Raum von „Kunst an den Grenzbereichen“, sondern von Kunst überhaupt und das, hoffentlich bleibende Pendant zum reinen Kunstmarkt – zumindest in Europa.

6. Wenn Künstler/innen als Aktivisten arbeiten und damit ein Teil von beispielsweise Protestbewegungen oder Stadtentwicklungsprozessen sind – wie verändern diese sich dadurch?

Wer verändert sich? Die Künstler_innen oder die Protestbewegungen? Ich denke beide verändern sich: die Künstler_innen politisieren sich ja auch im Laufe ihrer Teilnahme an einer Bewegung und lernen dazu - und für die Protestbewegungen wie zum Beispiel im Fall des Widerstands gegen das Bahn- und Immobilienprojekt Stuttgart 21 spielen die künstlerischen sowie kulturellen Beiträge und Interventionen aus meiner Sicht eine ganz wichtige Rolle, denn sie bringen andere, teilweise auch ironisch-kritische und selbstreflektierende Sichtweisen mit ein und sie fördern darüber hinaus den Zusammenhalt innerhalb einer Bewegung.

7. Woran arbeitest Du gerade? Was ist dein nächstes Projekt?

Momentan arbeite ich an der Fertigstellung meiner Publikation zu Stadtentwürfen für das 21. Jahrhundert, an deren visuell-diskursiven Analyse und kritischen Befragung ihrer Modernisierungsversprechen. Dieses Forschungsprojekt ging ja aus meiner langjährigen Kritik an Stuttgart 21 und der gemeinsamen Produktion der Ausstellungssektion „Die Kunst nicht dermaßen regiert zu werden“ im Württembergischen Kunstverein hervor. Was danach kommt, weiß ich noch nicht, dazu bin ich momentan noch zu sehr damit beschäftigt.

(April 2015)

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