8 Fragen an... Anike Joyce Sadiq

Anike Joyce Sadiq studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Birgit Brenner und Discoteca Flaming Star. 

In ihrer Video-, Foto- und Performance-basierten künstlerischen Praxis untersucht Sadiq die Beziehungen zwischen dem Erbe relationaler Ästhetik und politischer Theorie. Seit 2013 ist sie mit ihren Arbeiten in internationalen Ausstellungen vertreten und nahm an mehreren internationalen Artist-in-Residence-Programmen teil. Sie erhielt u.a. den Preis der Villa Romana (2015) sowie die Stipendien der Kunststiftung Baden-Württemberg (2018) und der Cité Internationale des Arts Paris (2018). Anike Joyce Sadiq lebt und arbeitet in Stuttgart und Berlin.  www.anikejoycesadiq.net

Gemeinsam mit Elke aus dem Moore, Angelika Stepken, Anna Romanenko & Björn Kühn nahm sie im November 2018 an dem vom Kunstbüro initiierten Podiumsgespräch »Voyage, Voyage! Künstlerische Produktion im Kontext von Artist-in-Residence-Programmen« teil (in Kooperation mit Soft Power Palace/Akademie Schloss Solitude).

1. Anike, Du hast Dein Studium 2013 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart abgeschlossen. Welches waren Deine ersten wichtigen Schritte in die künstlerische Selbständigkeit?

Im Vorhinein möchte ich gerne sagen, dass ich einen tollen Support hatte von Leuten die meine Arbeit mochten und dass auch dadurch viel möglich geworden ist. Oft klingt es in Künstler-CVs so, als wäre alles von alleine passiert. Dabei spielen Empfehlungen, Vorbilder und Mentor/innen eine große Rolle.

Im Anschluss an mein Studium hatte ich ein 3-jähriges Atelierstipendium des Landkreises Esslingen in Plochingen. Das hat mir tatsächlich erst einmal „Raum“ gegeben, im wortwörtlichen Sinne aber auch finanziell, da ich nicht zusätzlich für ein Atelier arbeiten gehen musste. Zudem hatte ich das Glück, dass sich sofort Ausstellungsmöglichkeiten ergaben: im Kunsthaus Hechingen, in der Klettpassage und im Künstlerhaus Stuttgart. Ich war und werde mit Stuttgart verbunden bleiben und dieses Netzwerk hier ist sozusagen meine Basis. Ich war erst letztes Jahr in Philadelphia über eine ehemalige Volontärin der Villa Merkel, wo ich lange im Ausstellungsaufbau gearbeitet habe. Sie hat meine Arbeit im Auge behalten und mich dann (Jahre später) eingeladen. Das sind für mich sehr wertvolle Beziehungen. Und dann vor allem das Villa Romana-Stipendium – nach Italien war ich auch bereit, woanders hinzugehen. Berlin war nicht automatisch meine erste Wahl, aber dann doch der einfachste move, da ich bereits Freunde kannte, die schon in Berlin waren und ich dort für ein paar Monate einen Job hatte. Letztendlich war auch mein Zimmer dort günstiger als das in Stuttgart. Obwohl viele sagen „Berlin ist vorbei“, habe ich das so nicht so empfunden und es ist immer gut, sich einen anderen Blick anzueignen und andere Diskurse mitzubekommen.

2. Was macht die Teilnahme an internationalen Artist-in-Residence-Programmen für Dich – und generell für Künstler/innen, die wie Du am Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn stehen – interessant? Welche Aspekte/Kriterien sind für Dich wichtig, wenn Du Dich für die Teilnahme an einem Programm entscheidest?

Während meiner Zeit in der Villa Romana habe ich, als jüngste Stipendiatin dort, maximal von den Erfahrungen der anderen Fellows profitiert. Der kleine Rahmen von nur vier Stipendiat/innen, ein kleines Team an der Institution und das dichte Programm (Ausstellungen, Gast-Künstler/innen, Symposien, Konzerte, etc.) waren gute Voraussetzungen für ein intensives Eintauchen, das ich sehr genossen habe. Aber die Bereitschaft dazu ist natürlich abhängig von den eigenen Präferenzen und aktuellen Lebens- und Arbeitsumständen. Das ist ganz sicher nicht für alle die gleiche Erfahrung.

3. Welche Aspekte/Kriterien sind für Dich wichtig, wenn Du Dich für die Teilnahme an einem Programm entscheidest?

Für die Villa Romana habe ich mich nicht entschieden – es war vielmehr ein Preis, den ich erhalten habe. Auf die Residencies, für die ich mich beworben habe, bin ich in anderen Künstler-CVs gestoßen, deren Arbeit ich interessant finde oder mir wurde empfohlen, mich zu bewerben, von Leuten die sowohl die Residence kannten, als auch meine Arbeit. Was natürlich nicht bedeutet, dass es klappt.

Warum man gerne eine Zeit lang in New York, Paris, Lagos, Brasilien oder Athen verbringen würde, muss man wahrscheinlich unabhängig vom Programm nicht wirklich erklären.

Und dann ist es ganz ernüchternd auch einfach eine Überlebensstrategie. Für den Zeitraum der Residence ist man versorgt (wenn es nicht gerade eine „Airbnb-Residence“ ist, für die man selbst bezahlen muss). Ich denke, man darf nicht unterschätzen, was dieser ökonomische Faktor unabhängig vom Programm bedeutet.

4. An welchen Programmen hast Du bisher teilgenommen und wie waren Deine Erfahrungen? Inwiefern hat sich die jeweilige Ausrichtungen des Programms/der Institution auch in Deiner künstlerischen Arbeit niedergeschlagen?

Ich war neun Monate in der Villa Romana in Florenz, zwei Monate in Johannesburg und sechs Monate in der Cité in Paris. Das ist im Vergleich zu anderen Künstler/innen, die ich kenne, relativ wenig. Die Erfahrungen waren so unterschiedlich wie die Orte selbst.

Die Villa Romana hat mir den Freiraum gegeben, das Jahr intensiv mit einer Arbeit zu verbringen, die ich an mehreren unterschiedlichen Orten ausstellen und auch weiterentwickeln konnte. Das war für mich eine gute Erfahrung, weil ich bis dahin viele ortsspezifische Arbeiten entwickelt hatte – und eigentlich habe ich erst durch die längere Beschäftigung mit derselben Arbeit deren ganzes Potential entdeckt. Außerdem hat der Input, den mir die Villa Romana bot, sich fast angefühlt wie ein kleiner Master-Studiengang.

In Johannesburg ging es explizit darum, sich auf den Ort einzulassen. Ich hatte zwar große Freiheit, auf den Ort zu reagieren, aber es war klar, dass es am Ende eine Ausstellung geben wird. In enger Auseinandersetzung mit der Stadt und in Zusammenarbeit mit Sinethembe Twalo, der mich eingeladen hatte.

Bei der Residence in der Cité geht es sicherlich auch darum, sich auf Paris einzulassen und sich mit anderen Künstler/innen auszutauschen, aber es gibt ebenso die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und alleine zu arbeiten oder einem  intensiven Recherchevorhaben nachzugehen. Ich persönlich habe in Paris viel Zeit in der Nationalbibliothek verbracht, auch weil ich die Architektur so fantastisch finde und als Künstler/in einen Zugang zum Recherche-Bereich hatte. Im Atelier habe ich hauptsächlich Ausstellungen vorbereitet.  Sich die Stadt und die Kunstszene zu erschließen hat eine Weile gedauert, aber ich habe spannende Orte entdeckt und tolle Ausstellungen gesehen.

5. Inwiefern sind Artist-in-Residence-Programme alternative Orte für künstlerische Produktion und Forschung? Was macht für Dich ihre spezifische Arbeitsweise und Qualität aus, auch im Vergleich zur Zusammenarbeit mit traditionellen Kunstorten wie Museen, Ausstellungshäusern und Galerien?

Meiner Meinung nach gibt es zwei Beweggründe, an einem Residence-Programm teilzunehmen: Einerseits kann es einen spezifischen Grund geben, an einen Ort zu gehen – etwa Zugriff auf Ressourcen, Archive, oder Ähnliches. Andererseits ist  es immer eine Bereicherung, einen Orts- und damit auch Perspektivwechsel für die eigene Arbeit vorzunehmen. Es werden oft auch die gewohnten Produktionsumstände (Materialien, Routinen) umgeworfen, worauf man mit der Arbeit reagieren muss. Und im Gegensatz zu Ausstellungshäusern und Museen gibt es keinen Produktionszwang. Und man hat die Möglichkeit, sich intensiv mit anderen Künstler/innen auszutauschen oder zusammenzuarbeiten.

6. Häufig wird bei Residence-Ausschreibungen der offene Prozess und das künstlerisches Experiment hervorgehoben. Wie wichtig ist in der Realität dennoch das Ergebnis bzw. das Einlösen bestimmter Erwartungen seitens der Institution? Hast Du als Künstler/in die Erfahrung gemacht, dass „Scheitern“ tatsächlich eine Option ist?

Scheitern ist immer eine Option, und Scheitern gehört auch zu jedem künstlerisch-kreativen Prozess dazu. Ich glaube, es geht um das eigene Verhältnis zum Scheitern.  Als Künstler/in in einer neoliberalen Zeit, oder anders als aktiv zeitgenössische/r Künstler/in, macht man sich ohnehin selbst den meisten Druck. Wenn man darin das Scheitern für sich geklärt hat, geht es nicht mehr so sehr um das versteckte Begehren der Institution.

7. Von Künstler/innen wird heute vielfach das Idealbild von weltläufigen Kosmopolit/innen und kulturellen Nomad/innen gezeichnet, die sich mühelos über den Globus bewegen. Dass sie aber auch einem starken Mobilitätsdruck ausgesetzt sind, um im internationalen Kunstfeld sichtbar zu werden, wird dabei vielfach vernachlässigt. Wie gelingt es Dir, immer wieder temporäre Orte auf dem Globus für Dich „in Besitz zu nehmen“ und gleichzeitig die Balance zwischen Unterwegssein und Homebase zu halten?

Es gelingt mir nicht. Mein Hirn hängt meistens hinterher und oft dauert es sehr lange – Monate, vielleicht auch Jahre – bis ich mit bestimmten Erfahrungen oder Eindrücken arbeiten kann.  Inzwischen habe ich ein großes Bedürfnis nach einer Basis – das ändert sich vielleicht auch wieder. Aber dem Bedürfnis versuche ich jetzt mehr Raum einzuräumen. Für mich macht die Residence als Abwechslung und nicht als Überlebensstrategie Sinn, das setzt allerdings eine abgesicherte Existenz voraus. Und bis man die hat…

Man könnte auch noch einen anderen Blick auf die Ökonomie von Residencies und die eigene Rolle darin werfen: Es gibt ein Foto von Lisl Ponger, das sich mir sehr eingeprägt hat. Es zeigt einen tätowierten Oberarm, auf dem der jeweils folgende Begriff den Vorgänger ersetzt:„MISSIONARY, MERCENARY, ETHNOLOGIST, TOURIST, ARTIST“.

8. Wie beurteilst Du im Hinblick auf die zunehmende Internationalisierung der künstlerischen Produktion (u.a. durch Artist-in-Residence-Programme) die Arbeits-, Produktions- und Lebensbedingungen für Künstler/innen „zu Hause“? Was würdest Du Dir wünschen?

Ich denke, man darf nicht vergessen, wer es sich „leisten kann“, intensiv an Residence-Programmen teilzunehmen. Mit Kindern ist es schwierig. Den Job, den man zu Hause hat, um zu überleben, kann man nicht immer aussetzen. Welche Länder haben Institutionen wie das Goethe, das ifa oder das Institut Français, um ausgewählte Künstler/innen einzuladen und in die Welt zu schicken? Meine Ausstellung in Johannesburg wäre ohne das ifa und den Auslandsreisen-Zuschuss nicht möglich gewesen. Mit dem Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg konnte ich frei entscheiden, wie ich das Geld nutze und die meisten Ausstellungen in kleineren oder selbstorganisierten Ausstellungsräumen im Ausland im vergangen Jahr wären ohne das Stipendium nicht möglich gewesen.

Grundsätzlich würde ich sagen, die Existenz und die Arbeit als Künstler/in sollte abgesichert sein, Künstler/innen sollten für ihre Arbeit und für ihre Ausstellungsbeteiligungen angemessen entlohnt werden. Ateliers sollten bezahlbar zur Verfügung stehen, auch Arbeits- und Recherchestipendien für lokale Künstler/innen sind aus meiner Sicht essenziell. Der wichtige internationale Austausch und die Künstler-Förderung in Form von Residencies sollten das nicht ersetzen.

 (April 2019)

Zurück

Förderer & Partner