8 Fragen an... Christian Kaspar Schwarm

8 Fragen an Christian Kaspar Schwarm, Mitgründer von Independent Collectors

Christian Kaspar Schwarm ist Mitinhaber der Kommunikationsagentur Dorten und einer der Gründer von Independent Collectors, einer Internetplattform für SammlerInnen zeitgenössischer Kunst (independent-collectors.com). Seit knapp zehn Jahren sammelt er Gegenwartskunst.

1. Gemeinsam mit zwei Partnern hast Du 2008 „Independent Collectors“ gegründet, ein soziales Netzwerk im Internet für SammlerInnen zeitgenössischer Kunst. Was war für Dich der Anlass „Independent Collectors“ zu gründen und wie funktioniert diese Plattform?
Ein, zwei Jahre vorher hatte ich selbst mit dem Sammeln begonnen. Galeristen lernt man als potenzieller Kunde naturgemäß schnell kennen und auch mit Künstlern kam ich rasch in direkten, persönlichen Kontakt. Auf andere Sammler aber traf ich kaum, schon gar nicht auf solche meiner Generation. Also suchte ich im Netz nach Foren, wo sich Sammler austauschen und wechselseitig inspirieren können – allerdings erfolglos. Weder in den USA noch sonstwo auf der Welt existierte ein entsprechendes Internetangebot. Zusammen mit ein paar Freunden nahmen wir uns dann einfach vor, ein solches selbst ins Leben zu rufen. Jetzt steht Independent Collectors kurz vor dem siebten Geburtstag und wir haben die Plattform gerade komplett überarbeitet und relaunched. Sie ist nun viel öffentlicher als vorher und bietet für alle Kunstinteressierten viel Informationen, die so an anderer Stelle nicht oder kaum zu finden sind. Im Kern geht es uns darum, der leider so finanziell dominierten Diskussion über zeitgenössische Kunst eine ganz andere Perspektive entgegenzusetzen. Die 5.000 Mitglieder von Independent Collectors kommen aus über 100 Ländern und sind ganz sicher nicht die Sammler, die Kunst vorrangig nur als Investition betrachten. Diese aktuelle Übertreibung wird sich auch bald wieder verflüchtigt haben, vermute ich. Unseren Sammlern geht es um die Kunst und um ihre Vermittlung.

2. Wie wurdest Du zum Sammler? Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Tatsächlich sogar zwei Momente, an die ich mich gut erinnere. Zum einen fiel mir irgendwann eine Postkarte mit einem berühmten Motiv von Sigmar Polke in die Hände. Sie zeigte ein hochformatiges Gemälde mit einer großen schwarzen Ecke und dem in Schreibmaschinenoptik gemalten Satz: "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen." Eine zeitlos köstliche Formulierung, die mich nie wieder los ließ. Zum allerersten Mal empfand ich Kunst nicht nur als schwermütige und bedeutungsschwangere Inszenierung, sondern als leichtfüßig-ironischer Kommentar. Polke reagierte mit diesem Werk 1969 auf die genialischen Attitüden vieler Künstlerkollegen, die sich im permanenten Musenrausch wägten. Das zweite Erweckungserlebnis war der Besuch der berühmt gewordenen Londoner Ausstellung "Sensation", die der Sammler Charles Saatchi auf die Beine gestellt hatte. Sie gilt bis heute als öffentliche Geburtsstunde der sogenannten Young-British-Artists-Bewegung. Werke von Künstlern wie Tracey Emin, Sarah Lucas und Damien Hirst beeindruckten mich zutiefst. Endlich lag die Kunst in ihrer emotionalen Kraft für mich gleichauf mit dem Potenzial, das beispielsweise aktuelle Musik für meine Generation und auch für mich hatte. Das war tatsächlich ein positives Schockerlebnis. Vom Sammeln war ich da zwar noch weit entfernt, aber ab diesem Punkt fing ich an, regelmäßig Ausstellungen zu besuchen und viel über zeitgenössische Kunst zu lesen.

3. Welche Parameter bestimmen Deine Kunst-Käufe?
Hoffentlich die persönlichsten, die es gibt. Von einem sehr erfahrenen Sammlerfreund habe ich schon sehr früh lernen dürfen, dass man im Grunde eigentlich immer nur sich selbst sammelt. Ursprünglich geht diese Erkenntnis auf den französischen Philosophen Jean Baudrillard zurück, der sich unter anderem in seinem Buch "Das System der Dinge" explizit mit dem Phänomen des Sammelns beschäftigt hat. Und seine Beobachtung trifft auf jeden Fall zu – und zwar sowohl auf solche Sammler, die sich für Positionen und Werke begeistern, zu denen sie auf manchmal unerklärliche Weise in eine tiefe emotionale Resonanz treten wie eben auch auf solche, die einfach nur einem Hype hinterherrennen und dauernd herumfragen, was wohl als nächstes hip und teuer sein wird. Insofern verraten die meisten Sammlungen sehr viel über die Weltsicht und Psyche ihrer Sammler – manchmal mehr, als es diesen selbst vermutlich bewusst ist.

4. SammlerInnen und KünstlerInnen stehen ja immer in einer gewissen Abhängigkeit zueinander – welches Verhältnis hast Du zu den KünsterInnen, die Du sammelst?
Mir gefällt das Wort "Abhängigkeit" nicht. Natürlich ist es der Beruf eines Künstlers, Werke zu produzieren und diese idealerweise auch verkaufen zu können. Vor diesem Hintergrund sind wir aber fast alle abhängig von irgendwelchen Auftrags- und Kundenbeziehungen, mit denen wir unseren jeweiligen Lebensunterhalt verdienen. Künstler, Galerien und Sammler stehen prinzipiell in einer geschäftlichen Beziehung zueinander, die aber unterschiedlichste Ausprägungen annehmen kann. Mir war der Kontakt zu den Künstlern meiner Sammlung immer wichtig, da ich mich grundsätzlich immer mit dem gesamten Werk befasse und jede einzelne Arbeit als dessen Stellvertreter oder Platzhalter sehe. Daher recherchiere und lese ich viel über die Künstler, für deren Denken und Tun ich mich begeistere und da gehört der persönliche Gedankenaustausch selbstverständlich dazu. Einzelne Künstler und Galeristen wurden über die Zeit zu engen privaten Freunden, was für mich weder Ziel noch Widerspruch sein darf. Ich habe auch in meinem beruflichen Wirken nie etwas gegen eine Zusammenarbeit mit Freunden gehabt, im Gegenteil. Paradoxerweise lehnt so eine Verknüpfung ja nur ab, wer in Wahrheit nicht trennen kann zwischen professionellem und privaten Umgang.

5. Das Interesse am Sammeln zeitgenössischer Kunst hat in den letzten zehn bis zwanzig Jahren stark zugenommen. Worin siehst Du die Ursache für dieses Phänomen?
Ein sehr geschätzter Künstler und Freund des Künstlerkollektivs "Slavs and Tatars" hat es auf einem Panel vor kurzem auf den Punkt gebracht: In den 80ern war es das Kino, in den 90ern die Mode, jetzt ist es die Kunst. Auch unsere Status-Spielfelder verändern sich. Ich selbst fasste diese Entwicklung mal mit den drei Worten "Auto, Küche, Yoga" zusammen. Jede Form von authentischer und profunder Kennerschaft schlägt in ihrer Wirkung heute so ziemlich alle materiellen Luxusgüter. Der Kunstwelt gelingt hier ein interessanter Spagat: Zum einen ist sie ein unerschöpflicher Raum für Inspiration und lebenslanges Lernen und Entdecken, zum anderen bietet sie mit ihrer in der Regel Unikat-basierten Ökonomie einen ultimativen Reiz für Menschen, die schon alles haben und eigentlich längst nichts mehr brauchen. Was wir gerade erleben ist ein zum Teil irrationaler Hype, der vielleicht schon bald vorüber sein wird. Das macht aber gar nichts, denn auch das Kino und die Mode sind heute noch bedeutende Kulturfelder und auch die Kunst wird nicht verschwinden, wenn die Jünger des letzten Schreis ein neues Goldenes Kalb entdeckt haben werden.

6. Das Spektakel um hohe Preise gehört heute zum Kunstmarkt dazu. Warum ist diese Seite des Geschäfts so wichtig geworden?
Ganz einfach deshalb, weil so viele Leute ihre Hände im Spiel haben, die sich mehr für hohe Preise als für relevante Kunst interessieren.

7. Von Diedrich Diederichsen stammt diese Aussage über den Kunstmarkt: „Wenn man Artefakte in Verbindung mit aufgeregten, gut aussehenden jungen Menschen zeigen kann, dann steigen diese Dinge im Wert. Das ist, anders als früher, die entscheidende Wertschöpfung. Früher mussten Kritiker diese Kunstwerke bewundern, die Werke mussten in den wichtigen Museen hängen. Heute müssen sie gebadet werden in einer nachtlebenmäßigen Aufgeregtheit. In Dubai funktioniert das nicht, Berlin ist dafür ideal.“ Du lebst in Berlin, würdest Du zustimmen?
Ich bin tatsächlich nicht ganz sicher, ob ich Diedrich Diederichsen nicht selbst als Teil dieses ewig gleichen Spiels betrachte. Jegliche Diskussion um Kunst und Kunstmarkt braucht ihre aufgeregten Antipoden und jemand wie Diederichsen ist da immer gern zur Stelle. Auch in punkto Berlin: Ich finde den dröhnenden Anti-Hype um diese Stadt mindestens so langweilig wie jeden unreflektierten Hype. Für mich ist Berlin einfach ein wundervoll vielfältiges Pflaster und so international, wie ich es mir noch in meiner Jugend für keine deutsche Großstadt erträumen konnte.

8. Welches Werk deiner Sammlung würdest Du retten, sollte es je darauf ankommen?
Wenn es jemals wirklich darauf "ankommen" sollte, rette ich lieber meine Mitmenschen und mich selbst als irgendein Kunstwerk. So sehr ich die Arbeiten meiner kleinen Sammlung liebe, so findet sich zum Glück noch kein Weltkulturerbe darunter, für das ich als Sammler gegenüber der Kunstgeschichte verantwortlich bin. Ich wünsche mir aber trotzdem, lieber nicht vor eine solche Entscheidung gestellt zu werden.

(Juli 2015)

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