8 Fragen an... Daria Mille

8 Fragen an Daria Mille, Verantwortliche für die Vorbereitung der "Globale" im ZKM | Museum für Neue Kunst

Daria Mille war von 2008 - 2011 kuratorische Assistentin und Projektleiterin bei der Moskau Biennale. Seit 2011 ist sie im ZKM | Museum für Neue Kunst im Ausstellungsbereich wissenschaftlich, kuratorisch und organisatorisch tätig und seit 2014 mit der Vorbereitung der „Globale“ im ZKM betraut.

Worin liegen die größten Herausforderungen bei der Realisierung von Ausstellungen wie z.B. der aktuellen Ausstellung „Beuys, Brock, Vostell“?

Zuerst musste man sich dafür entscheiden, wie die Aktionskunst, das Ephemere oder die Auflösung des traditionellen Kunstbegriffs angemessen dargestellt und ins räumliche Konzept übersetzt werden können. Die Aktionen sind ja nur fragmentarisch, durch unterschiedliche Dokumente wie Partituren, Skizzen, Fotografien und Filme, aber auch Aktionswerkzeuge und die sogenannten Happening-Fall-outs für uns greifbar. Die Herausforderung ist natürlich, dass aus diesem Material keine langweilige Archivausstellung wird. Außerdem stellt eine Ausstellung mit mehr als 1000 Exponaten aus Museen, Archiven und Privatsammlungen eine logistische und organisatorische Herausforderung dar, die nur in einem guten Team zu bewältigen ist. Die zahlreichen Partner haben auch andere Arbeitsweisen, die sind manchmal weniger flexibel, kurzfristig geht da nichts. Wir mussten lernen,  sich ihrer Arbeitsweise anzupassen.

Das kommende Großprojekt am ZKM wird im Juni nächsten Jahres eröffnet. Was genau erwartet die Besucher der „Globale“?

Vor allem erwartet sie ein neues Format  – nicht nur Ausstellungen, sondern Konzerte, Ereignisse, Konferenzen, Lectures – die während 300 Tage der Globale im ganzen ZKM und teilweise in der Stadt stattfinden werden und den Besuchern abwechselnd immer neue Ausstellungsmodule anbieten wird. Das ZKM hat die Aufgabe, als Einrichtung der Forschung, der Kulturvermittlung und der Weiterbildung ihren Besuchern eine umfassende Auseinandersetzung mit Kunst und Medientechnologie zu ermöglichen. Insofern gehört die Auseinandersetzung mit den Effekten der Globalisierung auf die Kultur zu den Kernaufgaben des ZKM, da die Globalisierung gewissermaßen durch solche neue Medien wie Internet überhaupt erst möglich wurde. Die Globale wird sich zwei großen Themen, Renaissance 2.0. und Infosphäre annehmen. Bereits in den 1920er-Jahren haben Wissenschaftler wie Wladimir Wernadsky auf die Rolle der Information für die Biosphäre aufmerksam gemacht. Die Globalisierung bringt da ganz neue Herausforderungen mit sich.

Du bist in Russland geboren und hast u.a. in St. Petersburg studiert. 2011 warst du kuratorische Assistentin der Moskau Biennale. Gibt es Unterschiede in der kuratorischen Arbeit in Russland oder gibt es durch die zunehmende Internationalisierung des Kunstbetriebs gar keine Unterschiede mehr?

Es lässt sich feststellen, dass sich durch den Kunstmarkt aber auch die Öffnung des Landes und den kulturellen Austausch nach 1989 eine gewisse Homogenisierung des Geschmacks entwickelte. Die Biennale wurde mit dem Ziel gegründet, das Publikum in Moskau mit der zeitgenössischen künstlerischen Produktion und aktuellen Problemen der Kultur bekannt zu machen und in die globale Kunstentwicklung  einzubeziehen. Andererseits fehlt in Russland das Verständnis für zeitgenössische Kunst als kritisches Instrument, das u.a. gesellschaftliche Probleme behandelt. Die Vorstellung ist verbreitet, Kunst müsse vor allem schön sein und ein positives moralisches Ideal mit sich bringen, das am besten in Formen der sichtbaren Realität abgebildet werden solle. Dies ist teilweise auf die visuelle Kultur des sozialistischen Realismus zurückzuführen, dessen Kanon nie groß in Frage gestellt wurde. Kritik an der orthodoxen Kirche und am Staat ist in der Kunst in Russland nicht willkommen. Schließungen von Ausstellungen wie „Zapretnoe iskusstvo – 2006“ [Verbotene Kunst – 2006] im Jahre 2007 und strafrechtliche Verfolgung von Kuratoren wie Andrej Erofeev und Künstlern wie Pussy Riot sind hier wesentliche Beispiele. Das 2013 in Kraft getretene föderale Verbot der „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen“ stellt die Kuratoren und Künstler vor neue Herausforderungen. 2009 konnten wir auf der Moskau Biennale eine Fotografie von Wolfgang Tillmans mit zwei sich küssenden Jungen ausstellen. Auf der Manifesta 10 in Petersburg durfte Kasper König dieses Jahr nur sehr „unpolitisch“ wirkende Fotos von Tillmans zeigen.
Außerdem soll ein Schild mit der Altersfreigabe für Werke mit homosexuellen oder sexuellen Motiven/Darstellungen aufgestellt werden. Ich denke, es ist sehr wichtig, unter diesen Bedingungen nicht anzufangen, einen inneren Zensor zu spielen. Außerdem unterscheiden sich in Russland natürlich andere Rahmenbedingungen wie die Finanzierung der öffentlichen Hand für zeitgenössische Projekte sehr stark von den deutschen Gegebenheiten. 

Bis in die 1960er Jahre verstanden Kuratoren ihre Rolle eher pragmatisch als die eines „Organisators“. Der legendäre Kurator Harald Szeemann hat das Berufsbild des Kurators etabliert. Er hat erstmals seine kuratorische Arbeit als künstlerische Handlung bzw. sich selber als „Mitautor eines Gesamtkunstwerks“ verstanden. Wie verstehst Du deine Rolle als Kuratorin?

Ich denke, dass das Verständnis der Ausstellung als Gesamtkunstwerk unter Umständen gefährlich werden kann. Das Gesamtkunstwerk spricht alle Sinne an und ist insofern für den Betrachter sehr zugänglich, weil nicht rational. Für mich ist es wichtig, dem Betrachter nicht eine fertige Weltanschauung anzubieten, sondern Instrumente zu dessen Infragestellung. Ich interessiere mich für Konstruktion, für Wandel, Entwicklung, nicht für Repräsentation. Ich finde, es ist an der Zeit, dem Publikum die Rolle des Mitautors anzubieten. Mir am nächsten liegt das Verständnis des Kurators als Kartographen. Im Kern der kuratorischen Arbeit bleibt immer Arbeit mit den Künstlern und dem Publikum. Ohne Interesse und Begeisterung kann man diesem Beruf nicht nachgehen.

Es werden immer mehr Studiengänge für Kuratoren gegründet, z.B. an der Städelschule in Frankfurt, an der ZHDK in Zürich, in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst oder am Goldsmith College in London. Sind solche Studiengänge aus Deiner Sicht sinnvoll?

Der Beruf des Kurators ist historisch aus der Ausstellungspraxis hervorgegangen.  Harald Szeemann hat auch die Bezeichnung „Ausstellungsmacher“ allen anderen vorgezogen, die etwas Handwerkliches an sich hat. Insofern denke ich, dass eine kuratorische Ausbildung nicht zwingend erforderlich ist, um diesen Beruf ausüben zu können. Es gibt wahrscheinlich keinen „Baukasten“, kein Rezept mit dem sich Ausstellungen machen lassen. Die studierten Kuratoren haben eine gute theoretische Grundlage, müssen aber genau wie alle anderen (Kunsthistoriker, Kulturwissenschaftler, Künstler, Kritiker, Kinowissenschaftler u.a.) erst durch praktische Erfahrungen in diesen Beruf hineinwachsen.

Welche Rolle spielen deiner Meinung nach die Institutionen (Museen/ Kunstvereine) auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Markt (also die Zusammenarbeit mit den Galerien) für den „Erfolg“ eines Künstlers?

Es kommt darauf an, wie man diesen Erfolg misst. Leider gelingt der Durchbruch nur sehr wenigen, wenn man die Zahl der Kunststudenten als Bezugsrelevanz annimmt. Ich vertrete die These von Pierre Bourdieu, dass es ein symbolisches Kapital gibt, das erst durch öffentliche Wahrnehmung der Werke in Museen und Kunstvereinen entsteht. Man kann als Beispiel Damien Hirst nehmen. Erfolgreich am Markt, wird er weder oft in Museen ausgestellt noch seine Werke von öffentlichen Einrichtungen erworben. Deshalb ist er von der Idee besessen, dieses Kapital zu erhöhen. Vor kurzem wurden seine Pläne veröffentlicht, im Südwesten Englands eine ganze Stadt mit 750 Häusern zu bauen. Er hat der Kommune bereits eine seiner Statuen für den öffentlichen Raum geschenkt – gigantische Bronze, die eine Schwangere darstellt. Ob er damit erfolgreich wird, ist zu bezweifeln.

Wie würdest Du „Erfolg“ für einen Künstler definieren?

Das können wahrscheinlich nur Künstler für sich selbst definieren. Ich kann mir vorstellen, dass ein Künstler erfolgreich ist, wenn er damit zufrieden ist, was er macht und wenn er etwas damit in Gang gesetzt hat. Galerien oder Museen würde ich hier außen vor lassen.

(Oktober 2014)

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