8 Fragen an... Elke Dreier

Elke Dreier schloss 2015 als Meisterschülerin von Prof. Olaf Nicolai mit Diplom an der Kunstakademie in München ab.

Elke Dreier lebt und arbeitet in München. Sie löst in ihren künstlerischen Arbeiten alltägliche Kommunikations- und Bewegungsabläufe aus ihrer Unmittelbarkeit und reinszeniert diese in Videos und Installationen. Im September 2019 nahm sie an dem vom Kunstbüro in Kooperation mit mold initiierten Künstler/innengespräch »Von hier aus« zum Thema künstlerische Selbstorganisation & Selbstpositionierung in Karlsruhe teil.

1. Du hast Dein Studium 2015 an der Akademie der Bildenden Künste in München als Meisterschülerin von Olaf Nicolai abgeschlossen. Welches waren Deine ersten Schritte in die künstlerische Selbständigkeit?

Unmittelbar nach dem Diplom habe ich an meinem Künstlerinnenbuch »Various Forms Not Defined As Communication« gearbeitet. Ich wollte Teile der Recherche zu nonverbaler Kommunikation in Kombination mit daraus entstandenen Videoarbeiten zeigen. Mich hat die Übersetzung und Darstellung von Bewegung sehr interessiert. Zudem war für die Entstehung des Buches die Zusammenarbeit mit verschiedenen Personen wichtig und hilfreich; beispielsweise haben Julia Lena Maier und Gürsoy Doğtaş Texte für die Publikation geschrieben.

2. Wie wichtig war für Dich in Deiner künstlerischen Entwicklung der Kontext der Hochschule, also die Kommiliton/innen oder die Professor/innen? Welche Rolle spielt der Austausch mit Deinem künstlerischen bzw. professionellen Umfeld heute für Dich?

Die Möglichkeiten, die das Studium an der Akademie bietet, habe ich als große Chance wahrgenommen und bin nach wie vor mit vielen Kommiliton/innen und mit Olaf Nicolai verbunden. Daraus ergeben sich diverse Formen der Zusammenarbeit und des Austausches; mit Lena Grossmann entsteht gerade ein Konzept zur Dokumentation ihrer Performance und mit Olaf Nicolai teile ich eine Faszination für die Stadt Rom. Dieser Kontakt, der auf einer gemeinsamen Auseinandersetzung basiert, ist wichtig.

3. Welche Förderungen in Form von Stipendien, Preisen, Projektförderungen o. Ä. hast Du im Anschluss an Dein Studium erhalten? Inwiefern haben Dich diese Programme bei der Weiterentwicklung Deiner künstlerischen Arbeit unterstützt? 

Linn Born, eine private Sammlerin, die junge Künstler/innen aktiv und nachhaltig fördert, hat schon direkt nach dem Studium Videoarbeiten gesammelt und bei gemeinsamen Veranstaltungen im Rahmen ihrer »Collection Born« präsentiert.

 2017 habe ich drei Monate an der Fondazione Pastificio Cerere in Rom verbracht. Mit dem Stipendium war es möglich, eingebunden in die Kunstszene, die Stadt kennenzulernen und vor Ort zu arbeiten. Aus der Beschäftigung mit visueller Wahrnehmung und der Überlieferung von Wahrgenommenem entstand die Videoarbeit »Explanation and Some Clouds«, die abschließend in der Fondazione Pastificio Cerere gezeigt wurde. Der Astronom Stefano Giovanardi erklärt, vor dem azurblauen Tageshimmel, die Sternkonstellationen, die am Nachthimmel sichtbar wären.

»Training for the Future« wurde von der Karin Abt-Straubinger Stiftung gefördert. Die Stiftung unterstützt nicht nur finanziell die Umsetzung künstlerischer Projekte sondern schafft durch die Präsentation auf der Website auch eine wichtige Sichtbarkeit.

4. Welche Formen der Künstler/innen-Förderung würdest Du Dir darüber hinaus wünschen?

Formlosere Förderungen und Anträge.

Neben Projektstipendien sind Arbeitsstipendien wichtig, die die künstlerische Entwicklung nachhaltig fördern und Recherchen ermöglichen; sie fungieren als eine wichtige Ergänzung zu den vielen Stipendien, die an einen konkreten Output oder einen Mehrwert gebunden sind. Dringend notwendig ist, dass die Förderung von Künstler/innen ab 35 selbstverständlich wird zusammen mit dem Erhalt und der dauerhaften Erschließung von Räumen für Kunstschaffende.

5. Welche Strukturen sind für Dich wichtig, um Deine künstlerische Praxis voranzubringen? Wie organisierst du dich?

Interessanterweise entwickeln sich viele künstlerische Arbeiten gerade aus der Erfahrung des Scheiterns, der Wahrnehmung eines Mangels oder aus Missverständnissen, die in zwischenmenschlichen Situationen unmittelbar und kontinuierlich entstehen.

Gleichzeitig gibt es ein persönliches Bedürfnis nach erfolgreicher Interaktion, reibungslosen Bewegungsabläufen und die Abhängigkeit von einem funktionierenden Organismus. Meine künstlerische Praxis ist es, alltägliche Beobachtungen zu analysieren und in eine sichtbare Form zu übersetzen, oft durch Notation oder Reinszenierung in Videoinstallationen. Dafür sind Nachfrage, Austausch mit Künstlerkolleg/innen und Kooperationen wichtig.

6. Künstler/innen sind heute nicht mehr nur für ihre Arbeit im engeren Sinne verantwortlich, sondern darüber hinaus auch für Bedeutungsproduktion, Selbstinszenierung, Vermittlung und Vermarktung der eigenen Arbeit. Hast Du den Eindruck, dass Künstler/innen heute oder in Zukunft mit anderen Kompetenzen ausgestattet sein müssen als vor zehn, zwanzig Jahren?

Anspruchsvoll sind die Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit, mit der öffentlich an verschiedenen (virtuellen) Orten Kompetenzen gefordert sind.

Das führt notgedrungen zu neuen Formen der Zusammenarbeit, Zusammenschlüssen und kollektiven Verbänden, aber auch zu einer Neuverortung zwischenmenschlicher Beziehungen und einer Veränderung der Bedeutung von persönlicher Anwesenheit.

Die Verantwortung besteht darin, den Fokus auf die künstlerische Auseinandersetzung anstatt auf die Inszenierung und Vermarktung zu richten.

7. Wie erlebst Du die Arbeits- und Rahmenbedingungen des Kunstbetriebs? An welchen Stellen ist das System für Dich eng?

Eng wird es dort, wo sich Interesse auf Präsentation, Massenproduktion und Produkte reduzieren lässt und die Weiterentwicklung der künstlerischen Praxis abhängig ist von prekärer Realität.

Produktiver ist es, über sozialverträgliche Formen von Wissenstransfer nachzudenken; über Lernformen und Möglichkeiten, Erfahrungen auszutauschen und sich so eigene Rahmenbedingungen zu schaffen.

8. In Deinen interaktiven Installationen beschäftigst Du Dich u. a. mit alltäglichen Kommunikations- und Bewegungsabläufen sowie mit Überlegungen zur menschlichen Interaktion mit künstlicher Intelligenz. Woran arbeitest Du aktuell?

Zur Zeit entstehen weitere Übungen für »Training for the Future/Future Routines«.
Das Projekt ist eine Auseinandersetzung mit sich verändernden Interaktionen, beispielsweise durch die Nutzung technischer Geräte, und der Versuch, sich diesen durch Übungen anzunähern.

Eine Übung ist die Visualisierung des eigenen Pulses, indem dieser gefühlt und der Lidschlag synchronisiert wird. Ein körperinterner Vorgang wird gezeigt und gleichzeitig wird eine sichtbare Körperfunktion kontrolliert.
Aktuell interessieren mich verstärkt Möglichkeiten zur Sprachaufzeichnung und Interpretationsfehler bei der Decodierung handschriftlicher Zahlen durch technische Systeme: die Suche nach Variation in technischer Kommunikation.

(Januar 2020)

 

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