Home Good to know ÜBER NEUE STRUKTUREN UND KOMPLIZENSCHAFTEN – 8 FRAGEN AN NORINA QUINTE

ÜBER NEUE STRUKTUREN UND KOMPLIZENSCHAFTEN – 8 FRAGEN AN NORINA QUINTE

Norina Quinte (*1990) ist Mitgründerin des Projekts ato, einem wachsenden Netzwerk für Künstler:innen und Kunstagent:innen, das neue Formen der Kunstvermittlung und des Kunstverkaufs erprobt.
Ihre Arbeit basiert auf Multidisziplinarität und kollektiver Arbeitspraxis. Sie beschäftigt sich mit der Entwicklung neuer Strukturen an der Schnittstelle von Theorie und künstlerischer Praxis. Bei ato ist sie neben der Tätigkeit als Kunstagent:in auch als künstlerische Leitung für die inhaltliche Ausrichtung des Projektes zuständig.
Sie kuratiert sowohl im Rahmen von ato Ausstellungen wie auch darüber hinaus, z.B. als kuratorische Leitung der ersten Rheinland-Pfalz Triennale in 2026.
www.ato.vision

Du hast Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften in Berlin sowie Kunstwissenschaft, Medientheorie und Ausstellungsdesign an der HfG in Karlsruhe studiert. Welches waren deine ersten Schritte in die professionelle Tätigkeit als Kuratorin und Initiatorin freier Räume und Projekte?

Insbesondere das Studium an der HfG in Karlsruhe bot für Experimente und Projekte außerhalb der Uni viel Freiraum. Das war auch einer der Beweggründe, von Berlin nach Karlsruhe zu ziehen. In Berlin gab es zwar viel Angebot, aber weniger Notwendigkeit, selbst aktiv zu werden. Zudem war das Bachelor-Master-System deutlich verschulter als die frühere Magister-Struktur. Eine eigene Sprache zu entwickeln war schwierig. Ich wollte an einen Ort, der mir praktisches Ausprobieren ermöglicht.
In Karlsruhe gründete ich u. a. mit einer bunt durchmischten Gruppe 2013 den interdisziplinären Verein die Anstoß e.V. Wir beschäftigten uns mit soziokultureller Stadtentwicklung und fachübergreifenden Prozessen und realisierten von Beginn an Veranstaltungen im öffentlichen Raum. Ob Demos oder Eintagesrestaurants, kollektiv bespielbare Klaviere oder Kunstfestivals in Parkhäusern – im Vordergrund stand immer der Wunsch, ein nahbares Angebot zu schaffen und eine möglichst breite Vernetzung der verschiedenen Disziplinen anzustreben. 2015 eröffneten wir im Kollektiv den dazugehörigen Projektraum ßpace, den es dank neuer Mitglieder bis heute gibt und der kürzlich sein 10-jähriges Jubiläum feierte.
Neben der Arbeit in der freien Szene sammelte ich durch diverse Jobs und Projekte wichtige Erfahrungen in der Galerie-, Messe-, Universitäts- und Museumswelt, die sicherlich auch meine professionelle Tätigkeit beeinflusst haben.

2019 warst du Mitbegründerin des Projektes ato, einer Vermittlungs- und Verkaufsplattform für zeitgenössische Kunst, die auf Kollektivität und Transparenz setzt. Was war der Anlass?

Die ersten Überlegungen zu ato entstanden durch Gespräche mit einem Freund und Kollegen von uns. Er selbst arbeitete damals nicht im Kunstkontext, IT und Robotik prägten seine Welt. Durch seinen Blick von außen wurden kritische Schwachstellen der Kunstblase sichtbar, die wir zuvor kaum oder nur zögerlich benannt hatten. Aus diesen Gesprächen entstand die Frage, warum es neben Galerien, Museen und Offspaces kaum andere Orte für Kunst gibt. Museumsräume und Galerien sind sehr exklusiv aufgebaut und funktionieren marktorientiert, Vereine und Projekträume haben wiederum fast keine Möglichkeiten zu verkaufen. Was könnte sich also als ergänzende Struktur zwischen jenen etablierten Orten aufbauen lassen? Diese Frage trieb uns an. Über die Jahre wuchs ein Kernteam aus Kolleg:innen, der späteren ato GmbH sowie ein Netzwerk freischaffender Expert:innen aus unterschiedlichen Bereichen. Ihr vielfältiges Know-how, etwa aus Wirtschaftsingenieurwesen oder IT, ermöglichte den Aufbau aus verschiedenen Perspektiven. Ohne ein solches Team, das teils über eigene Grenzen hinausarbeitete, hätten sich diese Strukturen nicht in dieser Form entwickeln können.

Woher rührt deine persönliche Motivation, Strukturen innerhalb der Kunstwelt neu zu denken?

Je intensiver wir uns mit dem Kunstmarkt beschäftigten, desto deutlicher wurde, dass nur sehr wenige Künstler:innen und Galerien davon leben können. Erschreckend fand ich damals auch den etablierten Konkurrenzkampf zwischen Galerien, das exklusive Recht jemanden zu vertreten (mindestens lokal), obwohl nur in den wenigsten Fällen ein (Vollzeit-)einkommen garantiert ist. Diese Ellenbogenkultur und die damit verbundene Intransparenz unserer Branche zu knacken und zumindest etwas fairer zu gestalten, motiviert mich bis heute. Natürlich sind das nur kleine Stellschrauben im System – etablierte Phänomene wie künstliche Verknappung lassen sich kaum aufbrechen. Über die Marktkritik hinaus bin ich neugierig, wie man das Immaterielle der Kunst vermitteln und verkaufen kann, also die Expertise bzw. die Ideen an sich. Worin liegt der Kern der Kunst heute? Wieviel kostet eine Idee?
Eine letzte persönliche Motivation: ich habe schon immer eine Leidenschaft für Leerstand und kuratiere ausgesprochen gerne an ungewöhnlichen Orten. In White Cubes ist Kuratieren vergleichsweise einfach, andere Orte fordern die Kunst stärker heraus. Für diese Form des temporären Ausstellungsmachens fehlten lange Zeit professionelle, nachhaltige Strukturen.

Wofür steht ato, was ist eure Vision?

ato ist Online-Galerie in Netzwerkstruktur und Ideenagentur. Wir verkaufen Kunst und Ideen.
Der Name ato hat keine eigene Bedeutung, er ist kurz und knapp, wir mochten, dass es nicht direkt aufgeladen ist. Irgendwann haben wir aber herausgefunden, dass es im japanischen wohl eine treffende Erklärung gäbe: hier heißt ato nämlich u. a. „die nächste Phase“. Das passt schon, denn darum geht es schließlich: Strukturen weiterzuentwickeln, statt rückwärtsgewandt zu agieren. Über die Jahre haben wir verschiedenste Bedeutungen gesammelt. Meine Kollegin Hannah Klein schätzt z. B. die Übersetzung „Art Transfer Online“, durch die Online-Offline-Brücke durchaus nachvollziehbar.
Unsere Vision ist eine kostengünstige Infrastruktur, die Arbeiten in der Kunstwelt ohne marktübliche Investmentsummen ermöglicht. Also eine Art Unterstützungssystem für Komplizenschaften zwischen Künstler:innen und Kurator:innen bzw. Vermittler:innen der Kunst.

Wie organisiert ihr euch und wie sieht eure Zusammenarbeit mit den Künstler:innen, die ihr vertretet, konkret aus?

Hauptziel war es, eine vernetzende Plattform zu gründen. Einen (digitalen) Ort, der als Sammelbecken verschiedener Künstlerportfolios funktioniert und gleichzeitig als Verkaufskanal dient. Um kein anonymer Online-Kanal zu bleiben, führten wir früh das Agent:innen-System ein. Sie selbst vertreten dort ihre eigenen Künstler:innen und sind die Sparringpartner:innen der Kunst. Am Anfang war ich so etwas wie ein „Testkaninchen“, wir haben ausprobiert wie sich die Rolle der Agent:in verhält, was von ihr verlangt werden kann, worin der Vorteil liegt, sich für Künstler:innen auf Verkaufsprovision einzusetzen.
ato erhält bei Verkäufen sowie bei Leasing 10 Prozent, die Agent:innen erhalten aktuell zwischen 20 und 40 Prozent, je nachdem welche Form der Zusammenarbeit sie mit ihren Künstler:innen vereinbaren. Wir justieren weiterhin nach, doch die Grundstruktur ist mittlerweile stabil und funktional. Das liegt unter anderem daran, dass wir mit juristischer Hilfe Verträge aufgesetzt haben, die als Template für die Zusammenarbeit dienen und transparent festlegen, dass alle involvierten Personen etwas bei Verkauf abbekommen, unabhängig davon, wer den:die Käufer:in vermittelt.
Wir haben mittlerweile auch ein Gremium, bestehend aus verschiedenen Vertreteter:innen aus der Kunstwelt, die gemeinsam über eine Aufnahme in atos Pool entscheiden. Diese Demokratisierung hat uns dabei geholfen, nicht nur unser eigenes Geschmacksbild zu fördern, sondern unterschiedlichen künstlerische Positionen eine Plattform zu bieten.

Mit ato stoßt ihr u. a. auch neue Kooperationen und Partnerschaften für Kunstprojekte an und versucht hier immer wieder, unkonventionelle Wege zu gehen. Wie könnte die künstlerische Expertise zukünftig in unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche (Wirtschaft, Politik, Bildung) und transformative Prozesse stärker einbezogen werden – natürlich auch im Hinblick auf die Generierung künstlerischen Einkommens?

Neben der ato Galerie haben wir auch eine Ideenagentur gegründet. Sie mündet aus der Erkenntnis heraus, dass die Expertise von Kunstschaffenden eben nicht nur im Bild oder der Skulptur, sprich im Werk steckt, sondern auch in den Ideen. In den letzten Jahren haben wir mit unterschiedlichen Branchen zusammengearbeitet und feststellen können, wie bereichernd es ist, wenn Künstler:innen auch in anderen Fachbereichen mitdenken. Hiermit meine ich nicht zwingend „art&science“, das ist ja etabliert, sondern die eigenständige künstlerische Arbeit als wichtigen Beitrag in fachfernen Runden anzuerkennen. Wir haben z. B. mit dem Innovation HUB – Prävention im Bauwesen vom KIT in Karlsruhe für das Bundesministerium Transfermethoden entwickeln, die darauf abzielen, die Kunst als eigenständige Expertise zu begreifen. Sie wird hier als mündige Mitgestalterin von Infrastruktur einbezogen. Aktuell entwickeln wir z B. einen Ort für neue Lehrformate auf dem Campus für die Hochschule Karlsruhe, auch hier setzen wir die sogenannte „künstlerische Intelligenz“ ein.
Übrigens, dafür wurden wir (und werden es immer noch) durchaus auch kritisch beäugt. Hauptargument: Die Kunst ist kein Dienstleister!
Ja, da kann ich nur zustimmen, gleichzeitig halte ich klar dagegen: Die Kunst braucht mehr Selbstbewusstsein, sie ist in der Tat keine Dienst-Leistung (genau darin liegt ihr Wert), aber eine Leistung. Und wenn wir diese so einbringen, dass sie der künstlerischen Praxis nicht widerspricht, ist sie am Ende mitunter sogar freier, als wenn Künstler:innen verkäufliche Bilder für den Messestand malen, um besser zu verkaufen. Und professionelle Leistung sollte unabhängig von der Branche honoriert werden. Aber das ist ein ausuferndes Thema, wer mehr dazu wissen will kann sich gerne bei uns melden…

Bereits jetzt erleben wir massive Kürzungen öffentlicher Gelder, u. a. für Kunst und Kultur. Das gesamte Feld – mit seinen Institutionen, Galerien, Off-Spaces und allen voran den selbständige Künstler:innen – wird in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen stehen.
Brauchen wir eine grundsätzlich neue Perspektive auf unser Tun und wenn ja – welche könnte das sein?

Gute Frage. Ja, die Sorgen sind groß, das lässt sich nicht leugnen. Wer das leugnet, geht davon aus, dass die Kunstwelt einwandfrei funktioniert.
Einerseits haben wir (also ato) schon immer gehört, dass es eh nichts werden kann, wenn wir nicht reich geheiratet oder gut geerbt haben (beides haben wir nicht…), sodass wir gewohnt sind, uns durchzuschlagen. Unsere Kernstruktur ist aktuell nicht von Förderungen abhängig, das haben wir von Beginn an so aufgebaut. Andererseits natürlich von Aufträgen und Verkäufen – hier merkt man sehr deutlich, wie angstvoll alle gerade agieren – ganz unabhängig von der jeweiligen Branche. Das wirft die Frage auf, wie es weitergehen kann.
Was die Künstler:innen und freien Kurator:innen und Agent:innen angeht, machen sich die Kürzungen und minimierten Förderungen natürlich längst noch viel drastischer bemerkbar. Brauchen wir eine neue Perspektive auf unser Tun in der Kunst? Ich denke das ist im Hinblick auf die kommenden Jahre notwendig. Entscheidend wird sein, sich stärker zu vernetzen, Komplizenschaften zu bilden und offen für neue Modelle zu sein. Die Kunst braucht eine größere Lobby, die Frage ist nur, ob wir sie von der Politik einfordern sollen und das Zukunftssicherheit bringt, oder ob man sich am besten lieber selbst koordiniert. Essenziell wird sein, nicht in Lähmung oder Lethargie zu verfallen, sondern mutig zu sein und erfinderisch.

Woran arbeitest du aktuell? Worauf freust du dich in 2026?

Aktuell arbeite ich mit Künstler:innen, die ich persönlich als Agentin vertrete sowie mit weiteren ato Kolleginnen an Projekten mit Infrastrukturbezug. So zum Beispiel für das KIT oder die Hochschule Karlsruhe. Es gibt auch persönliche, temporäre Herzensprojekte wie Happenings im Stadtraum, z. B. jetzt zu Jahresende mit Hannah Cooke und Dominik Rinnhofer, mit denen ich eine Projektion zu Nikolaus realisierte, um eine nicht belebte Fläche durch Kunst zu aktivieren. In 2026 freue ich mich auf die Weiterentwicklung der ato-Strukturen, um sie weitestgehend „krisensicher“ aufzubauen, auf den Austausch mit Künstler:innen, Kurator:innen und meinen Kolleg:innen aus dem Kernteam. Ich freue mich auch auf die Kuration der ersten Rheinland-Pfalz Triennale, die ich mit meiner Kollegin Carolin Heel (auch Agentin bei ato) und dem Team des BBK Rheinland-Pfalz in Trier umsetze. Dann gibt es noch eine größere, fachübergreifende Installation im Sommer, im Rahmen der UNESCO City of Media Arts. Für die Stadt Kandel werden wir mit ato und der Künstlerin Maike Denker aus Münster ein neues künstlerisches Leitbild entwickeln. Nicht zuletzt freue ich mich auf die Lücken dazwischen, um Zeit mit meinem Sohn zu verbringen und die Akkus zu laden.

(Dezember 2025)

Cap: Kilian Kretschmer, Foto: Sebastian Heck

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